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Stefan Heym schrieb für einen menschengerechten Sozialismus
»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkurund Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.
Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.
Dem Sozialismus auf der Spur
Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«
Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.
Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.
»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«
Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.
Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.
5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.
Die verratene Revolution
Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.
Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980)in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.
Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«
Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.
»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«
1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.
Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.
Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.
Der Kampf hält an
Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«
Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.
Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.
In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.
Stefan Heym schrieb für einen menschengerechten Sozialismus
»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkurund Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.
Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.
Dem Sozialismus auf der Spur
Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«
Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.
Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.
»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«
Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.
Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.
5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.
Die verratene Revolution
Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.
Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980)in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.
Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«
Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.
»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«
1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.
Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.
Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.
Der Kampf hält an
Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«
Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.
Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.
In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.
Stefan Heym schrieb für einen menschengerechten Sozialismus
»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkurund Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.
Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.
Dem Sozialismus auf der Spur
Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«
Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.
Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.
»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«
Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.
Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.
5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.
Die verratene Revolution
Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.
Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980)in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.
Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«
Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.
»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«
1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.
Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.
Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.
Der Kampf hält an
Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«
Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.
Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.
In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.
This is my comment
Stefan Heym schrieb für einen menschengerechten Sozialismus
»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkurund Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.
Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.
Dem Sozialismus auf der Spur
Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«
Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.
Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.
»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«
Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.
Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.
5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.
Die verratene Revolution
Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.
Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980)in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.
Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«
Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.
»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«
1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.
Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.
Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.
Der Kampf hält an
Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«
Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.
Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.
In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.
hello world
Sparen wie Mamdani
Ein finanzpolitisches Klischee wird das Jahr 2026 garantiert überstehen: dass Regierungen, allen voran die der USA, für die Zerstörung von Menschenleben Ressourcen zu mobilisieren bereit sind, die sie für die Verbesserung von Menschenleben niemals auch nur in Betracht ziehen würden. So stellte Donald Trump kürzlich klar: »Wir führen Kriege. Wir können uns nicht um Kinderbetreuung kümmern.« In den ersten Wochen des Irankriegs ließen sich die USA ihre Kampfhandlungen durchschnittlich 2,1 Milliarden Dollar am Tag kosten; nun will Trump das Militärbudget für 2027 auf 1,5 Billionen Dollar erhöhen. Man stelle sich vor, wie großzügig man für solche Summen Kinder betreuen könnte.
Doch ein anderes, ähnlich fest gefügtes Vorurteil beginnt – kaum merklich, aber sicher – zu wackeln: das Klischee, wonach Sozialisten nicht mit Geld umgehen können, Konservative aber schon.
Kürzlich sorgte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU für Empörung, als bekannt wurde, dass sie Kernaufgaben ihres Ministeriums an ein privates Beratungsunternehmen outsourcen will, was mehr als 2 Millionen Euro kosten könnte. Eine Woche zuvor erklärte dagegen New Yorks sozialistischer Bürgermeister Zohran Mamdani, der Stadt unter anderem 9 Millionen Dollar gespart zu haben, indem er einen unnötigen Vertrag mit dem Beratungsriesen McKinsey gekündigt hatte. Während Neoliberale unter verantwortungsvoller Haushaltsführung verstehen, dass man bei Hilfsbedürftigen knausern soll, bei Eliten aber spendabel sein darf, kehrt Mamdani die Logik um und stoppt unkontrollierte Geldflüsse in die Kassen privater Auftragnehmer, während er andererseits gerade die Kinderbetreuung ausbaut.
»Dafür zu sorgen, dass das Geld der öffentlichen Hand keine Auftragnehmer bereichert, sondern in Form nützlicher Leistungen bei den Menschen ankommt, ist eine würdige Ambition für eine Linke des 21. Jahrhunderts.«
In der Videobotschaft unterstrich er: »Als jemand, der zutiefst an die Verantwortung der Regierung glaubt, für Menschen aus der Arbeiterklasse zu liefern, halte ich es auch für unsere Verantwortung, eine effiziente Regierung zu liefern, bei der jeder einzelne Dollar der bestmöglichen Verwendung zukommt.« Schon im Wahlkampf hatte Mamdani gefordert, die Stadt müsse von ihrer »Sucht nach Beratern und Auftragnehmern« wegkommen. So hatte der vorherige Bürgermeister McKinsey etwa auch damit beauftragt, eine Lösung für das Abfallproblem der Stadt zu finden – das Ergebnis war eine Mülltonne, die aussieht wie eine ganz normale Mülltonne, funktioniert wie eine ganz normale Mülltonne, deren Konzeption aber 1,6 Millionen Dollar gekostet hat.
Die »Top-Management-Beratung«, die Reiche nun für ihr Ministerium einkaufen will, soll laut Ausschreibung neben telefonischer Ad-Hoc-Beratung und Workshops ganz viel Text generieren, von »kurzen schriftlichen Ausarbeitungen, insbesondere Erstellung von Kurzanalysen, Steckbriefen, Handlungsempfehlungen und Präsentationsunterlagen« bis hin zu »umfassenderen schriftlichen Ausarbeitungen, insbesondere strategische Grundlagen, Handreichungen und Dokumentationen«. In unserem glorreichen KI-Zeitalter muss man leider unterstellen, dass nicht wenig Beratungs-Slop darunter sein wird. Erinnert sei an einen Fall aus Australien aus dem vergangenen Jahr, bei dem herauskam, dass die Beratungsfirma Deloitte einen 440.000 Dollar teuren Bericht für die Regierung mithilfe von KI erstellt hatte, halluzinierte Quellen inklusive. Das muss diese sagenumwobene Kosteneffizienz im Privatsektor sein.
Entgegen der neoliberalen Propaganda fällt die Privatisierung öffentlicher Aufgaben in der Regel nicht günstiger, sondern teurer aus. Dass man folglich Souveränität zurückerlangen und zugleich Geld sparen kann, indem man Kompetenzen wieder in den Staat insourct, hat Mamdani nicht als erster entdeckt. Vorgemacht haben es zuletzt Andrés Manuel López Obrador und Claudia Sheinbaum, der vorige Präsident und die aktuelle Präsidentin Mexikos, die zuvor beide als Bürgermeister von Mexiko-Stadt gedient haben. Doch während diesseits des Atlantiks selbst unter Linken zum Teil noch nicht angekommen ist, dass in Mexiko etwas politisch Interessantes vor sich geht, ist Mamdani als Bürgermeister von New York eine internationale Sensation geworden und bietet eine erneute Gelegenheit, den Spieß der Effizienz auf die Neoliberalen umzudrehen.
In Berlin rechnet sich die Linkspartei einige Chancen aus, bei der Wahl im September mit Elif Eralp das Bürgermeisteramt zu erringen. Parteiinterne Stimmen, die eine Regierungsübernahme skeptisch sehen, begründen dies unter anderem mit der schlechten Haushaltslage des Landes Berlin. Meint die Linke es ernst damit, sich ein Beispiel an Mamdani zu nehmen, sollte sie jetzt auskundschaften, wo der Berliner Senat zu viel Geld für Sachen und Leistungen ausgibt, die der Bevölkerung nichts bringen – und Kampagne dagegen machen. Dafür zu sorgen, dass das Geld der öffentlichen Hand keine Auftragnehmer bereichert und auch nicht in Behörden versickert, sondern in Form nützlicher Leistungen bei den Menschen ankommt, ist eine würdige Ambition für eine Linke des 21. Jahrhunderts.
Die Waffenruhe im Iran ist eine Niederlage für den Militarismus
Obwohl er erst vor sechs Wochen begonnen hat, dürfte Donald Trumps Krieg gegen den Iran die wohl schlechteste außenpolitische Entscheidung der USA des noch jungen, wenn auch an schlechten Entscheidungen reichen 21. Jahrhunderts sein.
Der Krieg war und ist eine Katastrophe auf praktisch allen Ebenen und für fast alle Beteiligten. Wir sollten uns freuen, dass es nun die Chance auf sein Ende zu geben scheint. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt leider von weit mehr ab als vom launischen, leicht ablenk- und beeinflussbaren Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Trumps Ankündigung eines zweiwöchigen Waffenstillstands sowie bevorstehender Verhandlungen über eine dauerhafte Beilegung der Feindseligkeiten war ein seltenes Eingeständnis des Präsidenten: Er musste die Realität anerkennen und praktisch einräumen, dass die für ihn unattraktive Option eines »Stopp« – wobei keines der ursprünglich gesetzten Ziele erreicht und tatsächlich mehrere Probleme noch verschlimmert wurden – immer noch die bei weitem beste Entscheidung ist.
»Eine Ausweitung der Angriffe wurde sogar von einer Vielzahl rechter Stimmen in den USA, die normalerweise fest hinter Trump stehen, scharf kritisiert.«
Ein sinnloser Krieg
Dieser völlig sinnlose Krieg war sowohl für Trumps Präsidentschaft als auch für die USA strategisch und politisch so katastrophal, dass ihm praktisch keine andere Wahl geblieben ist. Dass der US-Präsident offenbar zugestimmt hat, den Zehn-Punkte-Vorschlag des Iran und nicht seine eigenen fünfzehn maximalistischen Forderungen als Grundlage für die anstehenden Gespräche zu nutzen, ist ein weiteres stillschweigendes Eingeständnis: Der Krieg war eine politische Fehlentscheidung. So schwer dies für Trump persönlich auch zu schlucken sein mag, die Alternativen wären weitaus schlimmer.
Denn: Die Idee, Uran aus dem Iran zu extrahieren, ist eine gefährliche Fantasie. Man sehe sich außerdem an, zu welchem Debakel die Rettung eines einzigen Mannes aus dem Landesinneren für die US-Streitkräfte wurde. Trumps Flut an widersprüchlichen Äußerungen zur Straße von Hormus belegt, dass er die Meerenge militärisch nicht wieder öffnen kann. Schiffe können leicht bedroht werden durch die tausenden billigen Drohnen, die der Iran Monat für Monat herstellt. Mit diesem Ass im Ärmel weigern sich die iranischen Führer zu kapitulieren, trotz der immensen Bestrafung, mit der Trump drohte (und die er dem Land tatsächlich auferlegte).
Trumps noch verbleibende Optionen zur Eskalation waren und sind allesamt unattraktiv. Bodentruppen wären innenpolitisches Gift und würden darüber hinaus zu hohen Verlusten auf US-Seite führen. Zudem wäre der Zeitpunkt ungünstig, da die Temperaturen im Persischen Golf in den kommenden Wochen und Monaten auf 30 bis 40 Grad steigen werden. Eine Eskalation und eine Ausweitung der Bombardements aus der Luft (wie Trump es angedroht hat) bergen ihrerseits das Risiko einer regionalen Katastrophe, die vermutlich auch Israel in massive Mitleidenschaft ziehen würde (dessen Sicherheit Trump wiederholt als Rechtfertigung für den Krieg angeführt hat). Eine Ausweitung der Angriffe wurde sogar von einer Vielzahl rechter Stimmen in den USA, die normalerweise fest hinter Trump stehen, breit und scharf kritisiert. Während der Iran die Weltwirtschaft als Geisel hält, kann der US-Präsident nur eins tun: mit mehr Zerstörung und Tod drohen. Doch diese Taktik hat die Grenze ihrer Wirksamkeit erreicht.
»Das US-Militär könnte an die Grenze seiner Fähigkeit stoßen, Krieg zu führen, was eine noch peinlichere Blamage wäre als ein freiwilliger Rückzug.«
Je länger der Krieg ohne iranische Kapitulation andauert, desto schlimmer wird es für Trump und die Vereinigten Staaten. Die US-Wirtschaft steuert im Vorfeld der diesjährigen Midterm-Wahlen bereits auf riesige Probleme zu – weitere Wochen und Monate mit unterbrochenen Lieferketten würden sie endgültig über die Klippe stürzen. Die US-Munitionsvorräte schwinden derweil in untragbarem Tempo. Das US-Militär könnte an die Grenze seiner Fähigkeit stoßen, Krieg zu führen, was eine noch peinlichere Blamage wäre als ein freiwilliger Rückzug. Diese öffentlichen Demütigungen würden sich von Tag zu Tag weiter häufen, wenn extrem teure militärische Ausrüstung und Fahrzeuge vor den Augen der Weltöffentlichkeit zerstört werden oder schlicht nicht funktionieren.
Trump war daher gezwungen, für sich selbst die beste aus einer Reihe schlechter Optionen zu wählen. Er hat eine schmerzhafte Entscheidung getroffen. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun in jedem Fall Frieden erreicht wird: Zwischen den Positionen der iranischen Führung und dem Weißen Haus klafft weiterhin eine riesige Lücke, die nur schwer zu überbrücken sein dürfte.
Die Gefahr eines Rückfalls
Das größte Hindernis wird wie immer Israel sein. Israelische Regierungsvertreter sind angesichts eines möglichen Friedensabkommens außer sich und versuchen bereits, es zu sabotieren. Sie weigern sich, ihren Krieg im Libanon zu beenden, wie es der Zehn-Punkte-Plan des Iran vorsieht, und führten jüngst sogar ihre bisher größte Welle von Bombenangriffen auf das Land durch. Israel hat das Interesse und leider auch die Fähigkeit, einen künftigen Frieden zu torpedieren. Allerdings hängt dies vollständig von der Bereitschaft des US-Präsidenten ab, den Forderungen der israelischen Führung tatsächlich nachzugeben.
In dieser Hinsicht ist es ein Lichtblick, dass der Krieg letztendlich Trumps Beziehung zu Israel und dessen Premierminister Benjamin Netanjahu verändern könnte. Laut zahlreichen Berichten, darunter ein ausführlicher Artikel in der New York Times, der nur wenige Stunden vor Bekanntgabe des Waffenstillstands erschien, haben Netanjahu und andere hochrangige israelische Regierungsvertreter Trump erfolgreich davon überzeugen können, das Fiasko eines Kriegs gegen den Iran sei eine gute Idee.
»Der US-Präsident sollte wütend darüber sein, dass er von der israelischen Führung offenkundig getäuscht, ausgenutzt und öffentlich gedemütigt wurde.«
Unter anderem wurden ihm zahlreiche Aussichten unterbreitet, die sich schnell als völlig falsch erwiesen. Kurz darauf mussten wir mit ansehen, wie Trump sich blamierte, indem er diverse dieser Behauptungen in der Öffentlichkeit wiederholte – darunter Aussagen wie: der Krieg sei schnell vorüber, die Schläge gegen die iranische Führung würden zum Regime Change führen und es werde zu einem Massenaufstand des iranischen Volkes kommen. Bekanntlich haben sich alle diese Prognosen als falsch herausgestellt.
Der US-Präsident sollte wütend darüber sein, dass er von der israelischen Führung offenkundig getäuscht, ausgenutzt und öffentlich gedemütigt wurde. In einer rationalen Welt würde ihn diese Tatsache darin bestärken, sich künftig von Netanjahu abzuwenden und Israels ständiger Kriegstreiberei auf Kosten der USA ein Ende zu setzen. Doch dazu wäre ein Mindestmaß an Rückgrat erforderlich, von dem Trump (und auch sein Amtsvorgänger) im Umgang mit Israel bislang nicht sonderlich viel gezeigt hat. Tatsächlich hat Trump – zumindest laut einer anonymen US-Beamtin – sich geweigert, Netanjahu in einem Telefonat zum Rückzug aus dem Libanon aufzufordern. Das ist ein beunruhigendes Vorzeichen, das darauf hindeutet, dass sich der altbekannte Kreislauf in Nahost erneut wiederholt.
Opposition auf Abwegen
Ein anderes Problem ist Trumps Opposition in den USA selbst. Viele prominente Mitglieder der Demokratischen Partei haben sich als ausgesprochen kontraproduktiv erwiesen, dem Konflikt endlich ein Ende zu setzen. Siehe Chris Murphy, Senator von Connecticut und eine prominente außenpolitische Stimme der Demokraten: Dieser vollzog praktisch in dem Moment, als der Waffenstillstand verkündet wurde, eine Kehrtwende. Er wechselte von seinen Warnungen, der Krieg gerate außer Kontrolle und Trump müsse dringend von seinem Amt enthoben werden, um Leben zu retten, dazu, ein unermüdlichtorpediertesFriedensabkommen mit dem Iran zu kritisieren und Trump quasi dazu zu provozieren, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Das ging so weit, dass Murphy indirekt Trumps absurd-maximalistische Forderung übernahm, die konventionellen (nicht-atomaren) Raketen des Irans müssten beseitigt werden.
»Leute wie Senator Chris Murphy, die faktisch Hand in Hand mit rechten Kriegstreibern wie Lindsey Graham und Mark Levin agieren, werden in den kommenden Wochen reichlich Zeit und Gelegenheit haben, einen echten Friedensschluss zu attackieren.«
Diese peinliche Rolle übernehmen prominente Demokraten wie Murphy. Sie stacheln Trump unerbittlich an und werfen ihm vor, er sei ein Feigling, wenn er gegenüber dem Iran nicht aggressiver auftritt. Fairer- und glücklicherweise trifft dies nicht auf alle Vertreterinnen und Vertreter der Partei zu. Einige, wie die Abgeordnete Yassamin Ansari, setzen auf Vernunft und Besonnenheit. Doch Leute wie Senator Murphy, die faktisch Hand in Hand mit rechten Kriegstreibern wie Lindsey Graham und Mark Levin agieren, werden in den kommenden Wochen reichlich Zeit und Gelegenheit haben, einen echten Friedensschluss zu attackieren und uns alle erneut ins Chaos zu stürzen – sei es um reiner politischer Profilierung willen oder aus noch niederträchtigeren Gründen.
Der derzeitige Waffenstillstand ist kein wirklicher Sieg für den Pazifismus. Vielmehr ist er eine vernichtende Niederlage für den Militarismus und persönlich für einen US-Präsidenten, der von seiner vermeintlichen militärischen Macht berauscht ist und der nach wie vor glaubt, die Vereinigten Staaten könnten mit Bomben seine Träume in die Realität zaubern. Das Paradoxe ist: Damit Frieden möglich wird, müssen wir alle dazu beitragen, die Trumpsche Fiktion aufrechtzuerhalten, er habe in irgendeiner Weise einen großen Sieg errungen.
Stefan Heym schrieb für einen menschengerechten Sozialismus
»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkurund Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.
Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.
Dem Sozialismus auf der Spur
Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«
Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.
Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.
»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«
Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.
Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.
5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.
Die verratene Revolution
Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.
Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980)in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.
Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«
Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.
»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«
1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.
Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.
Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.
Der Kampf hält an
Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«
Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.
Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.
In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.